Interview mit Prof. Dr. Siegfried Rolle und Dr. Martin Burger - Ausbildung im Sinne der Hochtechnologie

29.08.2016

Ausbildung im Sinne der Hochtechnologie

Am 1. September wird an der Technischen Hochschule Wildau aus der Studienrichtung Physikalische Technik der Studiengang Physikalische Technologien / Energiesysteme. Er vermittelt Kenntnisse über das Zusammenwirken von physikalisch orientierter Forschung und angewandter Ingenieurwissenschaft etwa in der Photonik und Technischen Optik. Die TH Wildau hat für diesen Studiengang auch ein duales Studium entwickelt. „Wir bieten der Industrie Absolventen an, die die Technologien als solche beherrschen und anwenden können“, sagt Prof. Dr. Siegfried Rolle vom Fachbereich Ingenieur- und Naturwissenschaften der TH Wildau. Gemeinsam mit Dr. Martin Burger von der Arbeitsgruppe Photonik, Laser- und Plasmatechnologien erklärt er im Interview die Besonderheiten dieses Studienangebots.

Kurzporträt:

Die Technische Hochschule (TH) Wildau wurde 1991 gegründet. Mit ihren 28 Ingenieur-, wirtschafts- und verwaltungstechnischen sowie juristischen Studiengängen im Direkt- und auch berufsbegleitenden Studium ist sie die größte unter den Technischen Hochschulen des Landes Brandenburg. Einer der Fachbereiche der TH Wildau ist der für die Ingenieur- und Naturwissenschaften. Hier wird ab September der Studiengang Physikalische Technologien / Energiesysteme angeboten. Er ersetzt die Studienrichtung Physikalische Technik. Mit dem neuen Angebot werden folgende Arbeitsfelder bedient: Mikro- und Nanotechnik, Laser- und Plasmatechnik, Photonik, Technische Optik, Mess- und Sensortechnik, Energiesysteme. Dieses Studium ist an der TH Wildau auch als duales Studium möglich.
Die Arbeitsgruppe Photonik, Laser- und Plasmatechnologien befasst sich mit den Bereichen Materialsynthese und Untersuchungen, Herstellung optoelektronischer Bauteile und Komponenten, Charakterisierung von optoelektronischen Bauteilen und Komponenten sowie Prozesscharakterisierung und Optimierung. Die Forschung erfolgt in enger Kooperation mit industriellen Partnern, vor allem mit kleineren und mittelständischen Unternehmen aus Brandenburg und Berlin.

Interview:

optiMST: Welche Unternehmen wollen Sie mit dem dualen Studiengang Physikalische Technologien / Energiesysteme erreichen?

Prof. Dr. Rolle: Unser Angebot richtet sich speziell an Unternehmen, die Hochtechnologien entwickeln beziehungsweise einsetzen, wie zum Beispiel der optischen Industrie, der Automobilindustrie, der Luft- und Raumfahrttechnik. Die Studierenden werden bei uns ganz gezielt auf diese Hochtechnologien vorbereitet. Als Absolventen sind sie vertraut mit Laser- und Plasmatechnik, mit Dünnschichttechnologien, mit neuen Entwicklungen der Photonik. Daher können sie sowohl in der Produktion, Instandhaltung und im Service als auch in der Entwicklung und Forschung eingesetzt werden.

optiMST: Wie ist der duale Studiengang aufgebaut?

Prof. Dr. Rolle: Das duale Studium dauert insgesamt 5 Jahre. Voraussetzung ist, dass die Bewerber ein Abitur haben. In dieser Zeit schließen die Teilnehmer eine Berufsausbildung zum Industriemechaniker ab und sie erwerben ihren Abschluss als Bachelor of Engineering. Im ersten Jahr geht es ausschließlich um die Berufsausbildung. Danach werden Schritt für Schritt Studienmodule eingefügt. Das beginnt mit der Vermittlung von naturwissenschaftlichen und ingenieurtechnischen Grundlagen. Ab dem 4. Jahr werden an der Hochschule Kenntnisse der physikalischen Technologien und der Energiesysteme vertieft. Zu dieser Zeit werden die Studierenden ausschließlich an der Hochschule ausgebildet. Im Abschlusssemester wird die Bachelorarbeit mit Praxisbezug geschrieben. Für dieses duale Studienangebot arbeiten wir mit dem Zentrum für Aus- und Weiterbildung Berlin-Brandenburg, der ZAL Berlin-Brandenburg GmbH, in Wildau zusammen. Die ZAL übernimmt die theoretische Berufsausbildung. Die praktische Ausbildung bleibt in der Verantwortung der Unternehmen, die ihren Auszubildenden diese Qualifikation ermöglichen. Gemeinsam mit unserem Kooperationspartner haben wir für die Unternehmen ein komplettes Paket geschnürt: Die Inhalte der theoretischen Berufsausbildung sind abgestimmt. Das Studium an der Hochschule offeriert über Wahlpflichtfächer die Möglichkeit, Fachwissen entsprechend den Anforderungen des jeweiligen Unternehmens zu vertiefen – etwa im Bereich der Mikro- und Nanotechnik, der Lasertechnik und Photonik oder auch der Energiesysteme.

optiMST: Wie groß ist die finanzielle Belastung der Unternehmen?

Prof. Dr. Rolle: Der erste Teil des dualen Studiums, der von der Berufsausbildung geprägt ist, wird gefördert. Da ist die finanzielle Belastung also gering. Während der Studienzeit an der Technischen Hochschule gehen die Unternehmen natürlich in eine finanzielle Vorleistung, denn sie können ihre Studierenden in dieser  Phase der Ausbildung kaum im Betrieb einsetzen. Das geht dann nur in der vorlesungsfreien Zeit. Sobald die Studierenden ihre Bachelorarbeit schreiben, sind sie auch wieder im Betrieb. Das ist wie beim Engagement von Werkstudenten, deren Finanzierung, teilweise gefördert, ja auch für viele Firmen üblich ist. Eines ist doch klar: In Zeiten der Hochtechnologien müssen Unternehmen mit ihrer Forschung und Entwicklung an morgen denken. Auszubildende, die auch noch ein Studium absolvieren, bringen das Neueste vom Neuen mit. Wenn wir ein Ingenieursland bleiben wollen, dann müssen wir solche Fachkräfte ausbilden. Sie sind in der Lage, neue Produkte zu entwickeln und für deren Herstellung neue Technologien zu nutzen.

optiMST: Wie können Unternehmen aus der Region von diesem Angebot profitieren?

Prof. Dr. Rolle: Dieses duale Studium ist vor allem für Unternehmen in der Region gedacht. Wir haben uns mit den Lehrinhalten am Bedarf von Firmen orientiert, die in Brandenburg ansässig sind. Einige Beispiele sollen das verdeutlichen: In der Mikro- und Nanotechnik geht es um den großen Bereich der Dünnschichttechnologien, also um Oberflächen wie die entspiegelter Brillengläser, um Beschichtungen von Zylinderlaufflächen für die Automobilindustrie oder um speziell bearbeitete Oberflächen der Schaufeln für Triebwerke. Diese Branchen sind in Brandenburg stark vertreten. Sie können ihre künftigen Fachkräfte in Wildau ausbilden lassen. Ansprechpartner für das duale Studium der Physikalischen Technologien / Energiesysteme ist einerseits die TH Wildau, andererseits auch die ZAL GmbH. Ich kann die Firmen in der Region nur dazu ermuntern, sich diesen Heimvorteil zu sichern. Die Absolventen des dualen Bachelor-Studiengangs haben in Wildau auch die Möglichkeit, im Anschluss den Master im Bereich Photonik abzulegen.

optiMST: Welche Lehrinhalte vermittelt dieser Masterstudiengang?

Dr. Burger: Der Masterstudiengang wird zusammen mit der TH Brandenburg durchgeführt. Wir bieten unter anderem Module zur Mess- und Lasertechnik, Spektroskopie, Oberflächen- und Mikrosystemtechnik, zu optischen Mess- und Analyseverfahren, zum optischen Gerätebau, aber auch zur Unternehmensführung und zu neuen Entwicklungen in der Photonik an. Zugangsvoraussetzung ist ein Bachelorabschluss in einem natur- oder auch ingenieurwissenschaftlichen Studium. Wir sind damit eine von wenigen Hochschulen, die einen solchen Master anbieten. Die Absolventen sind in der Wirtschaft sehr gefragt. Sehr häufig werden sie gleich von den Betrieben übernommen, in denen sie schon für ihre Masterarbeit tätig waren. Ohnehin hat die Photonik bei uns einen starken Praxisbezug. Viele Forschungsprojekte werden in Kooperation mit Firmen in der Region umgesetzt.

optiMST: Zum Beispiel?

Dr. Burger: Die Arbeitsgruppe Photonik, Laser- und Plasmatechnologien hat gemeinsam mit Rolls-Royce Deutschland und weiteren Industriepartnern ein Endoskop für die Inspektion von Triebwerken entwickelt. Für das im Projekt entstandene Patent gab es einen Rolls-Royce Deutschland Innovationspreis 2015. Außerdem ist die Arbeitsgruppe im ZIM-Kooperationsnetzwerk „Schützen und Veredeln von Oberflächen“ aktiv. Das Netzwerk wurde von der TH Wildau gegründet und will mit Partnern aus der Industrie und mit wissenschaftlichen Einrichtungen Innovationen auf den Gebieten der Oberflächen-, Dünnschicht- und Beschichtungstechnologien entwickeln und verwerten. Das Netzwerk wird vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie gefördert.

Das Interview führte Dr. Ute Sommer.

Zu den Personen:

Prof. Dr. rer. nat. Siegfried Rolle (62) ist der Prodekan des Fachbereiches Ingenieur- und Naturwissenschaften an der Technischen Hochschule Wildau. Er war Anfang der 90er Jahre eines der Gründungsmitglieder der Studienrichtung Physikalische Technik, die nunmehr zum Studiengang Physikalische Technologien / Energiesysteme umgewandelt wird. Rolle stammt aus Erfurt. Er hat in Dresden Physik studiert und promoviert. 1986 kam er nach Wildau an die damalige Ingenieurschule.

Herr Prof. Dr. Rolle / © Dr. Ute Sommer
 

Dr. rer. nat. Martin Burger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Arbeitsgruppe Photonik, Laser- und Plasmatechnologien an den Technischen Hochschule Wildau. Der gebürtige Baden-Württemberger arbeitet seit 2005 an der TH Wildau. Burger ist 46 Jahre alt. Er hat in Würzburg Physik studiert und im Bereich der Laser- und Plasmaphysik promoviert. Vier Jahre lang forschte er an Universitäten in Italien.

Herr Dr. Burger / © Dr. Ute Sommer
 

Kontakt:

Prof. Dr. rer. nat. Siegfried Rolle
Technische Hochschule Wildau
Studiengangssprecher Physikalische Technologien und Energiesysteme

Hochschulring 1
15745 Wildau

Telefon: +49 3375 508 126
E-Mail: siegfried.rolle@th-wildau.de
Internet: http://www.th-wildau.de/pt

Dr. rer. nat. Martin Burger
Technische Hochschule Wildau
Fachbereich Ingenieur- und Naturwissenschaften

Hochschulring 1
15745 Wildau

Telefon: +49 3375 508 325
E-Mail: martin.burger@th-wildau.de
Internet: http://www.th-wildau.de/photonik

Prof. Dr. rer. nat. habil. Sigurd Schrader
Technische Hochschule Wildau
Fachbereich Ingenieur- und Naturwissenschaften
Studiengangssprecher Photonik

Hochschulring 1
15745 Wildau

Telefon: +49 3375 508 293
E-Mail: sigurd.schrader@th-wildau.de
Internet: http://www.th-wildau.de/photonik