Interview mit Dr. Danny Krautz, Senior Manager New Venture, bei der Carl Zeiss AG

05.07.2018

„Komplementär zu den traditionellen Maschinenbau-geprägten Märkten wie Baden-Württemberg, ist Berlin für unsere Startup-Aktivitäten ein wichtiges Ökosystem für Software-Start-Ups wie zum Beispiel in Artificial Intelligence und Image Data.” - Dr. Danny Krautz im optiMST-Interview über die Venture-Aktivitäten der Carl Zeiss AG.

Das Unternehmen

ZEISS ist ein weltweit tätiger Technologiekonzern der optischen und optoelektronischen Industrie. Im Geschäftsjahr 2016/17 erzielte der Konzern mit rund 27.000 Mitarbeitern einen Umsatz von rund 5,3 Milliarden Euro. Sitz des 1846 in Jena gegründeten Unternehmens ist Oberkochen. Seit 170 Jahren trägt ZEISS zum technologischen Fortschritt bei – mit Lösungen für die Halbleiter-, Automobil- und Maschinenbauindustrie, die biomedizinische Forschung, die Medizintechnik sowie mit Brillengläsern, Foto-/Filmobjektiven, Ferngläsern und Planetarien.

INTERVIEW

optiMST: Herr Dr. Krautz, Sie sind Senior Manager der neu geschaffenen Abteilung New Venture bei der Carl Zeiss AG. Welche Aufgaben und Ziele hat die Abteilung New Venture?

Bei der Carl Zeiss AG hat es immer Venture-Aktivitäten gegeben, eine spezielle Struktur oder Abteilung gab es aber nicht. Vor etwa 1,5 Jahren wurde Zeiss New Venture initiiert und es gibt ein dediziertes Team aus einer Handvoll von Mitarbeitern; dazu sind die derzeitigen Ventures eng an diese Abteilung angegliedert. Wir sind direkt in der Zentrale in Oberkochen beim Vorstand angesiedelt, ich selbst bin einen guten Teil meiner Zeit in Berlin tätig. Wir sind ein eigenes Vorstandsresort unter der Leitung von Herrn Dr. Karl Lamprecht, Vorstandsmitglied der Carl Zeiss AG und arbeiten sehr eng mit der zentralen Forschung zusammen.

Die Mission von Zeiss New Venture ist die Entwicklung und Kommerzialisierung von marktformenden Innovationen im Bereich der B2B-digitalen Optiktechnologien. Eine Besonderheit von ZEISS New Venture gegenüber Finanzinvestoren ist, dass wir sowohl Start-Ups intern gründen und Technologie zur Marktreife bringen, als auch in externe Start-Ups investieren und Joint Ventures gründen. Das ermöglicht gute Kalibration des internen Stands in der Innovationspipeline gegenüber den relevantesten, externen Start-Ups. Wir haben eine klare Investment-Strategie und beschränken uns derzeit auf drei Suchfelder: Digital Twinning and Simulations, Artificial Intelligence and Image Data, Mobile Technologies for the Visual Sense sowie die relevantesten, neuen Geschäftsopportunitäten in den ZEISS Marktsegmenten, insbesondere Health/Medical Technology und Industry/Manufacturing.

Wir analysieren mögliche und für ZEISS relevante neue Geschäftsfelder mit den dazugehörigen Technologien und entscheiden dann über den Grad der Zusammenarbeit, entweder in einem Projektformat (PoC, Accelerator) oder mit einem finanziellen Engagement.

Wichtig ist immer, dass sowohl das Potential zu marktformenden Innovationen als auch die Relevanz zu ZEISS vorhanden sein muss. Ein wichtiger Nebeneffekt ist, dass wir durch die ZEISS New Venture Aktivitäten auch Top-Talente ansprechen können, die in den Ventures ein außergewöhnlich hohes Maß an Verantwortung übertragen bekommen und gleichzeitig auch langfristige Weiterentwicklungsmöglichkeiten in die gesamte ZEISS Gruppe wahrnehmen können.

optiMST:  Wie gestaltet sich Ihre Zusammenarbeit mit anderen Abteilungen und Geschäftsfeldern des Unternehmens?

Wir haben eine enge Zusammenarbeit mit allen Bereichen des Unternehmens, vor allem mit der Abteilung Corporate Research & Technology sowie dem Bereich Mergers & Acquisitions. Die Forschungsabteilung arbeitet konzernübergreifend mit allen Geschäftsfeldern in Entwicklungsprojekten zusammen und die M&A-Abteilung unterstützt uns bei der Geschäftsanalyse und finanziellen Bewertung. Wir selbst evaluieren die Start-ups entlang unserer Investmentstrategie und analysieren wie eine mögliche Zusammenarbeit aussehen kann. Wie üblich spielen dabei zum Beispiel die Themen Alleinstellungsmerkmale, Entwicklungsziele und ausreichendes Marktpotential eine Rolle. Bei einigen potentiellen Ventures ist wichtig, dass eine Business Group uns Rückmeldung gibt, welche Projekte für den jeweiligen Geschäftsbereich Sinn machen können.

In einem Suchfeld analysieren wir in etwa 30 Start-ups pro Monat. Die für eine Zusammenarbeit mit uns am relevantesten Start-ups werden dann entsprechend für eine Venture Board Investment Entscheidung evaluiert und präsentiert.

optiMST:  Wie arbeitet Ihre Abteilung? Wie kommen Sie an Ihre Kontakte und Informationen?

Wir engagieren uns selektiv mit einem Schwerpunkt auf die Inhalte unserer Investmentstrategie. Das macht Sinn, dann sind wir auch committed und engagieren uns langfristig. Wir nehmen regelmäßig an Veranstaltungen teil, organisieren eigene Events und bauen ein dediziertes Netzwerk auf.

Im letzten Jahr hatten wir an der Humboldt-Universität einen Workshop, bei dem sich die beworbenen Start-ups einer speziellen Messaufgabe (Computer Vision) widmen mussten. Die Kriterien und Randbedingungen waren durchaus sehr eng geschnitten und herausfordernd. Dadurch gab es zwar relativ wenige Start-ups, die sich beworben haben, diese waren dafür genau die Richtigen.

Wir haben viele Tätigkeiten in Berlin, sehen uns aber auch global nach interessanten Projekten um. Der Fokus liegt derzeit aber auf Europa und Israel. Wir arbeiten mit einigen Handelsagenturen, speziellen Start-up-Netzwerken, VCs, Corporate VCs und Fachnetzwerken zusammen und organisieren gemeinsam Events. Auch hier wird zuerst abgewogen, ob es inhaltlich zu unseren Fokus-Themenfeldern passt. Über rein finanzielle Engagements hinaus, gibt es noch die Möglichkeit der Unterstützung bei Entwicklungsleistungen, Zugang zu Märkten und können auf ein breites Netzwerk von Kunden in globalen relevanten Märkten zugreifen.

optiMST:  Welche Events sind aktuell geplant und wie können Interessierte Sie dort kennenlernen?

Am 16.06. und 17.06. planen wir nach dem Erfolg an der Humboldt-Universität vom letzten Jahr, einen Folgeevent in Karlsruhe am KIT und in Zusammenarbeit mit dem KIT und dem IEEE. Dort können sich interessierte Start-ups aus dem Bereich Computer Vision, Robotics, AI for Manufacturing oder Healthcare etc. für Projekte oder weiteren Formen der Zusammenarbeit (auch finanzieller Art) bei ZEISS bewerben. Einige weitere ausgewählte und befreundete Co-Investoren werden mit vor Ort sein.
Weiterhin findet am 15.05. und 16.05. die Cube Tech Fair in Berlin statt, bei der Philipp Strack eine 1-stündige Session mit dem Titel "From pixel to retina: digitizing the visual sense for robots" halten wird. Die Cube Tech Fair mit seinem Fokus auf Deep tech Start-ups ist ein gutes Format, um internationale Start-ups aus dem Bereich AI in Manufacturing und Healthcare zu treffen. Im Rahmen der Veranstaltung sind wir natürlich offen, uns mit weiteren Akteuren aus der Region zu verabreden und Ideen auszutauschen.

optiMST:  Sie sind persönlich vor allem in Berlin aktiv. Welche Bedeutung hat der Standort für Ihre Arbeit und für die Carl Zeiss AG?

Berlin ist für internationale Start-ups offensichtlich ein wichtiger Anlaufpunkt. Die Qualität der Start-ups hat in den letzten Jahren in Berlin kontinuierlich zugenommen. Vor allem plattformbasierte Softwarelösungen, auch für industrielle Anwendungen, sind hier zunehmend vertreten. Wichtig für eine inhaltliche tiefgehende Vernetzung sind auch die Netzwerkaktivitäten rund um Artificial Intelligence und zum Beispiel Additive Manufacturing.  

Dazu gibt es eine sehr gute Zusammenarbeit der Akteure in Berlin und viele hochkarätige Forschungseinrichtungen und damit zusammenhängend natürlich entsprechende Fachveranstaltungen. Das alles hilft uns bei unserer Arbeit sehr. Ausgründungen aus Forschungseinrichtungen müssen meiner Meinung nach stärker, sowohl von den Universitäten, als auch von der Politik in Bezug auf Förderung stärker unterstützt werden. Gerade bei sehr technologielastigen Start-ups wird einfach eine kostenintensive Infrastruktur und langfristige Entwicklungsarbeit benötigt, die oftmals nicht zu stemmen ist. Bei der vielfältig vorhandenen und oftmals nicht ausgelasteten Infrastruktur müsste es eigentlich ein Leichtes sein, entsprechende Modelle für eine kooperative Ausgründungsinitiative zu entwickeln. Dies würde auch die interdisziplinäre Zusammenarbeit verbessern. Es gibt in Berlin viele gute Ideen und Forschungsprojekte, die dann aber nicht in die Praxis geführt werden.

Carl Zeiss ist in Berlin noch mit weiteren Geschäftsbereichen vertreten. Die Carl Zeiss Meditec AG arbeitet im Biotech-Park Jungfernheide mit etwa 400 Mitarbeitern im Geschäftsfeld Medizintechnik.

optiMST:  Was ist für Sie besonders interessant? Welche Art von Start-ups und Kooperationen suchen Sie und was können Sie anbieten?

Wir sind gegenüber interessanten Ideen und Projekten immer aufgeschlossen. Die Projekte sollten sich nicht scheuen, uns anzusprechen. Besonders interessant sind gerade Ideen und Themen, die sich noch in einer frühen Phase befinden, solange bereits eine Form von Markt-Produkt Validierung vorliegt. Finanziell suchen wir möglichst Beteiligungen in einer Investitionsgröße von etwa 500.000 bis 5 Mio. Euro. Außerdem gibt es die Möglichkeit, erste Kooperationen mittels sogenannter Accelerator Projekte anzustoßen. Projekte werden individuell, für beide Parteien, maßgeschneidert. Üblicherweise haben diese Projekte ein Volumen von 10 - 50.000 Euro und einen Zeitraum von etwa 3 Monaten. Die Zusammenarbeit erfolgt in enger Abstimmung mit Corporate Forschung und/oder mit relevanten Business Groups.  

Wie schon erwähnt, haben wir hauptsächlich drei Technologiesuch- und Anwendungsfelder, die für uns besonders interessant sind, in Manufacturing und in Healthcare:

Mobile Technologies for the Visual Sense

  • Remote IOP Monitoring
  • Mobile Recognition
  • Assistive Vision Devices
  • Remote Health Monitor Diagnostics
  • AR Data/Content Processing
  • AR Hardware

Artificial Intelligence and Image Data

  • AI in production and process analytics
  • Additive Manufacturing process analytics
  • Image Analysis

Digital Twinning and Simulation

  • 3D Scanner, smartphone scanner
  • Precision Robots, Surgical Robots
  • Autonomous systems
  • Programming support
  • Surgical Simulations

Carl Zeiss kann den Start-ups neben der finanziellen Komponente vor allem die Marke, unsere Bekanntheit sowie umfangreiche Forschungskapazitäten bieten. Unsere Forschungsabteilung ist sehr kompetent und breit aufgestellt. Einige der Mitarbeiter geben auch Vorlesungen an Universitäten (Lecturer, Professor) und ermöglichen dadurch natürlich auch den Zugang an weiteren Forschungskapazitäten. Für viele Start-ups ist außerdem sehr hilfreich, dass sie einen direkten und problemlosen Zugang zu den Geschäftsbereichen bei Carl Zeiss bekommen.

optiMST:  Wie unterscheidet sich ZEISS New Venture von primär finanziell-orientierten Venture Capital Fonds?

ZEISS New Venture ist ebenfalls dem Stiftungsgedanken von ZEISS verpflichtet, dies erlaubt uns langfristige Investitionsstrategien zu entwickeln, um auch komplexe (technologische) Entwicklungen gemeinsam zu meistern. Diese langfristige Strategie beinhaltet demzufolge auch Follow-up Investitionen potentiell über den gesamten Lebenszyklus des Ventures. Und: unser einziger Investor ist der Vorstand der Carl Zeiss AG und wir müssen uns vielleicht etwas weniger um teilweise zyklisch getriebene Auszahlungen an viele Investoren kümmern. Dies ist sicherlich ein entscheidendes Unterscheidungsmerkmal gegenüber konventionellen VCs.

Das Interview führte Markus Wabersky

VITA

Fotocopyright: Tracy Melnyk

Dr. Danny Krautz arbeitet bei ZEISS als Senior Manager New Venture und verantwortet u.a. die Evaluierung von Startups und die Wege einer (finanziellen) Zusammenarbeit innerhalb der Schwerpunktfelder von ZEISS New Venture. Davor war Dr. Danny Krautz 2,5 Jahre als Key Account Manager/ Projektmanager bei Berlin Partner für Wirtschaft und Technologie im Schwerpunkt Photonics tätig, arbeitete 3,5 Jahre als Projektmanager am Fraunhofer IAP im Bereich der Optoelektronik und gedruckten Elektronik und fast 5 Jahre beim Institute for Photonic Sciences (ICFO) in Barcelona, Spanien. Dr. Danny Krautz hat einen Abschluss als M.Sc. in Information Technologies von technischen Universität (UPC) in Barcelona, Dipl.-Ing. in Elektrotechnik von der Universität Stuttgart und einen Dr.-Ing. in Elektrotechnik von der Bergische Universität Wuppertal in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer IAP.

KONTAKT

Dr. Danny Krautz
Senior Manager New Venture Berlin
E-Mail: danny.krautz@zeiss.com
www.zeiss.com/new-venture

Profile 
Carl Zeiss Meditec AG

weitere Informationen

Max-Dohrn-Strasse 8-10
10589
Berlin
Telefon 
+49 (30) 8540 01 0

 

Die Carl Zeiss Meditec AG ist eines der weltweit führenden Medizintechnik-Unternehmen. Das Unternehmen bietet Komplettlösungen zur Diagnose und Behandlung von Augenkrankheiten sowie innovative Visualisierungslösungen für die Mikrochirurgie. Am Standort in Berlin entwickelt und fertigt die Carl Zeiss Meditec AG Intraokularlinsen (IOL), die Patienten zur Wiederherstellung der Sehkraft im Rahmen einer Katarakt-Operation implantiert werden.

Arbeitsgebiete

  • Entwicklung von Intraokularlinsen und Implantationssystemen
  • Durchführung von vorklinischen und klinischen Studien zur Zulassung von Medizinprodukten

Leistungsangebot

  • Optikdesign und –simulation
  • Optische Charakterisierung von IOLs
  • Optometrie und IOL-Berechnung
  • CAD
  • Klinische Studien

Forschungs- und Entwicklungsschwerpunkte

  • Intraokularlinsen und Implantationssysteme
  • Physiologie und Psychophysik des Sehens

Spezielle Ausstattung

  • Optik-Labor
  • Chemielabor
  • Serienfertigungsanlagen für IOLs

Aktuelle Spitzentechnologien

  • Präzisionsfertigung von Intraokularlinsen