„Eine riesige Chance für die Region“

06.07.2017

Interview mit Prof. Dr. Justus Eichstädt, Professor und Gründungsbeauftragter für den Studiengang Augenoptik/Optische Gerätetechnik an der Technischen Hochschule Brandenburg (THB)

Prof. Dr. Justus Eichstädt ist seit dem 1. März 2017 neuer Professor und Gründungsbeauftragter für den Studiengang Augenoptik/Optische Gerätetechnik an der Technischen Hochschule Brandenburg (THB). Er möchte in der Hauptstadtregion und speziell im Havelland mit Rathenow als Stadt der Optik Kompetenzen in Bildung und Wirtschaft der Optik-Branche miteinander vernetzen.

Kurzporträt:

Im Wintersemester 2016/17 ging der neue Studiengang Augenoptik/Optische Gerätetechnik an der Technischen Hochschule Brandenburg (THB) an den Start. Er kombiniert den Bachelorabschluss mit dem Meister der Augenoptik, wenn die Studierenden entsprechende Vorkenntnisse mitbringen. Er ist ein Angebot für Augenoptiker, die an der THB an den neuesten optometrischen Geräten ausgebildet werden, und auch für Ingenieure in den Bereichen Augenoptik, Optometrie und Ophthalmologie. Mit Dr. Justus Eichstädt übernimmt ein gebürtiger Rathenower die Professur in diesem Studiengang. Er kennt die Optikbranche in der Hauptstadtregion und speziell in seiner Heimatstadt und möchte Wissenschaft und Wirtschaft besser vernetzen. Der 34-Jährige übernimmt zudem die Leitung des Zentrums für Lasermaterialbearbeitung an der THB. Auch in diesem Bereich möchte er Firmen und Partnern anbieten, „gemeinsame Projekte im Bereich der Laseroberflächenbearbeitung anzugehen“, sagt Prof. Eichstädt.

Interview:

optiMST: Was war für Sie der entscheidende Punkt, den Ruf an die Technische Hochschule Brandenburg anzunehmen?

Prof. Dr. Justus Eichstädt: Für mich ist das nicht nur eine Entscheidung für Brandenburg an der Havel, sondern auch für Rathenow, die Stadt der Optik. Ich bin gebürtiger Rathenower, bin dort aufgewachsen und habe schon als Schüler des Duncker-Gymnasiums – benannt nach dem Begründer der optischen Industrie in Rathenow, Johann Heinrich August Duncker – entschieden, in die Optik zu gehen. Ich bin gelernter Augenoptiker, Diplom-Ingenieur der Augenoptik, habe meinen Master of Engineering im Bereich Photonics und habe an der Universität Twente in der Angewandten Lasertechnik promoviert. Ich bin in all den Jahren immer mit der Optik-Szene in Rathenow in Kontakt geblieben. Jetzt habe ich die Möglichkeit, diese Branche zu unterstützen. An dem neuen Studiengang haben viele Leute jahrelang gearbeitet. Für mich ist es auch eine gewisse Verpflichtung, den Ruf an die THB anzunehmen. Es geht darum, Ausbildungsangebote für die Region zu schaffen, Kontakte zu den Firmen herzustellen und zu pflegen und gemeinsam an neuen Produkten zu arbeiten. Diese Aufgabe habe ich gemeinsam mit Prof. Dr. Martin Regehly übernommen. Die Nachfrage nach Absolventen eines solchen Studiengangs ist da. Die Region wollte das. Jetzt kann ich meinen Beitrag dazu leisten.

optiMST: Woran machen Sie die Nachfrage aus der Branche fest?

Prof. Dr. Justus Eichstädt: Gerade in der Optik gibt es so viele neue Geräte und neue Technologien. Denken Sie nur an die Lasertechnologie, die auch in vielen Geräten des Alltags integriert ist. In der Augenmedizin ist die Lasertechnik ebenfalls enorm wichtig geworden. Es gibt neue bildgebende Verfahren, medizinisch-technische Verfahren – und dafür brauchen wir Fachkräfte. Außerdem finden gerade überall Generationswechsel statt: in Firmen, an Hochschulen und bei den Ärzten. Das ist die Chance, etwas Neues aufzubauen. Dabei schaue ich vor allem in Richtung  Rathenow. Wir haben hier eine Vielzahl von Firmen der Optikbranche, am Bildungs- und Technologiezentrum für Augenoptik werden Augenoptikermeister und Optometristen ausgebildet, das Oberstufenzentrum Havelland bildet in der Branche aus und dann ist hier auch noch das Optik Industrie Museum mit seinen Angeboten der Erwachsenenbildung. All diese Angebote müssen wir mehr miteinander vernetzen.

optiMST: Sie haben in den Niederlanden auf dem Gebiet der Angewandten Lasertechnik promoviert. Wie können Sie dieses Wissen in die Ausbildung in der THB einbringen?

Prof. Dr. Justus Eichstädt: Meine Professur hat eine Besonderheit. Ich übernehme zugleich die Leitung des Zentrums für Lasermaterialbearbeitung und gebe auch Vorlesungen in diesem Bereich. Ich habe an der Universität Twente mit einem Pikosekundenlaser an der Oberflächenstrukturierung im Mikro- und Nanometerbereich gearbeitet. Über genau diese Technik – und auch viele andere Maschinen – verfügt die THB. Meine Aufgabe ist es, das Know-how meiner Forschungstätigkeit nach Brandenburg zu bringen und diese Technologie zu übertragen. Wir machen sie damit den Firmen in der Region zugänglich. Ich möchte Firmen das Angebot unterbreiten, gemeinsame Projekte im Bereich der Laseroberflächenbearbeitung anzugehen. Wir haben die Maschinen hier und wollen Forschung und Entwicklung vorantreiben. Mein Ziel ist es, verstärkt Ansprechpartner für Firmen zu werden. Das ist jetzt alles in Vorbereitung. Geplant sind auch Zertifikatskurse in der Lasertechnik für Ingenieure, Maschinenbauer oder Anlagenführer.

optiMST: Für welche Branchen ist diese Form der Oberflächenstrukturierung interessant?

Prof. Dr. Justus Eichstädt: Die Einsatzmöglichkeiten sind weit gefasst. Das reicht von der Medizin bis zum Automobilbau. Hüftimplantate brauchen eine spezielle Oberflächenstruktur. Im Automobilbau wiederum entscheidet sie über Aussehen und Haptik. Wenn ich die Topographie kontrolliere, dann kontrolliere ich auch die optischen und kontaktmechanischen Eigenschaften einer Oberfläche. Ein Beispiel: In der Natur gibt die besondere Mikro- und Nanostruktur dem Blatt der Lotosblüte die Eigenschaft der Selbstreinigung. Die Oberfläche ist wie ein Gebirge im Mikro-Format. Wenn ein Wassertropfen über das Blatt rollt, breitet er sich nicht wie ein Film aus. Er rollt nur von „Bergspitze“ zu „Bergspitze“ und nimmt dabei Schmutz auf. Eigenschaften wie diese lassen sich mit der entsprechenden Laserbearbeitung der Oberflächen erschaffen. An der Universität Twente habe ich unter anderem an einem speziellen Außenspiegel für den Automobilhersteller Fiat gearbeitet, dessen Oberfläche genau diesen selbstreinigenden Effekt hatte. An unserem Zentrum für Lasermaterialbearbeitung sollen Firmen solche Technologien testen können. Wir sind in der Lage, zu beraten, zu helfen und Forschungsprojekte zu betreuen. Hier können ganz neue Ideen für die Biomedizintechnik oder auch die Halbleitertechnik entstehen.

optiMST: Hätten Sie gedacht, einmal nur wenige Kilometer von Ihrer Heimatstadt entfernt Hochschulprofessor zu sein?

Prof. Dr. Justus Eichstädt: Nein, ich hätte mir überhaupt nicht vorstellen können, Professor zu werden. Das hätte ich als anmaßend empfunden. Ich hätte mich auch nicht um die Stelle beworben, wenn nicht Freunde und die Familie gesagt hätten, ich soll meine Unterlagen einreichen. Gesucht wurde jemand mit Berufsabschluss in der Augenoptik, mit Promotion, jemand mit Auslands- und Lehrerfahrung. Das passt alles auf meinen Lebenslauf. Im August 2014 hatte ich begonnen, am Oberstufenzentrum Havelland in Rathenow künftige Augenoptiker und Verfahrensmechaniker für Brillenoptik zu unterrichten. Es ist eine schöne Sache, junge Menschen in Optik zu unterrichten. Trotz allem hätte ich nicht damit gerechnet, die Professur zu bekommen. Das war für mich eine Überraschung. Es ist sehr schön, etwas Neues aufbauen zu dürfen. Ich kann sehr viel gestalten. Mit meiner Tätigkeit am Oberstufenzentrum hatte ich mich eigentlich gegen eine akademische Laufbahn und gegen eine Karriere in der Industrie entschieden – für die Arbeit in Rathenow. Ich habe mir gedacht, dass gerade jemand mit meinen Abschlüssen doch auch etwas in Rathenow machen kann. Denn was soll werden, wenn alle immer nur wegziehen? Und jetzt dieser Studiengang in Brandenburg an der Havel. Das ist eine riesige Chance für die Region. Bei der Umsetzung will ich mithelfen.

optiMST: Sie haben während Ihrer Studienzeit immer auch in der Industrie gearbeitet. Wie wichtig sind solche Erfahrungen?

Prof. Dr. Justus Eichstädt: Sehr wichtig. Meine Dualität fing ja schon mit dem Modellstudium in Wolfsburg an, das die Berufsausbildung zum Augenoptiker und das Ingenieurstudium kombinierte. Für die Praxis brauchte ich einen Betrieb. Im Hauptstudium des Diplomstudiengangs und während des Masters habe ich bei der Berliner Glas KGaA gearbeitet. Vormittags hatte ich Vorlesungen über Dünnschicht- und Oberflächentechnologien und am Nachmittag konnte ich im Betrieb die Geräte dafür in Funktion sehen. Das hilft ungemein. Diesen Praxisbezug setzen wir jetzt auch in dem neuen Studiengang um.

Zur Person:

Justus Eichstädt wurde 1982 geboren. Er stammt aus einer Ingenieurs-Familie und wählte diese Ausbildung auch für sich. An der Ostfalia Wolfsburg (FH) machte er nach der Ausbildung zum Augenoptiker seinen Diplomingenieur der Augenoptik. An der FH Brandenburg, der heutigen Technischen Hochschule, schloss er das Studium zum Master of Engineering, Photonics, mit Auszeichnung ab. An der Universität Twente in den Niederlanden promovierte er im Bereich Angewandte Lasertechnik. Ende 2016 erhielt er den Ruf an die TH Brandenburg, an der er seit März 2017 Professor und Gründungsbeauftragter für den Studiengang Augenoptik/Optische Gerätetechnik ist. Hier leitet er auch das Zentrum für Lasermaterialbearbeitung. Prof. Dr. Justus Eichstädt ist verheiratet, hat zwei Kinder und wohnt in Rathenow.

© Dr. Ute Sommer: Foto: Prof. Dr. Justus Eichstädt

Dieses Interview wurde erstellt von Dr. Ute Sommer für optiMST.

Kontakt:

Technische Hochschule Brandenburg
Fachbereich Technik
Prof. Dr. Justus Eichstädt
Studiengang Augenoptik/Optische Gerätetechnik
Magdeburger Straße 50
14770 Brandenburg an der Havel

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E-Mail:      justus.eichstaedt@th-brandenburg.de
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